7.2.2012 - Themen Slam 2030 Der Tag an dem du dich verliebst
Der Tag an dem ich mich verliebe
„Nein,“ sagt Siggi als wir am Gänsemarkt
stehen. „An der Poststraße entlang braucht man nur 4 Minuten zum Rathausmarkt.“
„Ich möchte aber gern am
Jungfernstieg entlang gehen.“ antworte ich und gehe an der Lessing Statue links.
„Du musst morgen deine
Steuererklärung abgeben, denk dran.“ sagt Siggi,
„Ja mach ich...“
Dann sehe ich, dass im
Alsterpavillon ein neues Lokal eröffnet hat.
„Was ist das denn?“ frage ich.
„Das ist der Alsterpavillon“ sagt
Siggi. „Gebaut 1799. Hamburgs erstes Kaffeehaus. 8. Neubau.“
„Nein, Siggi, das meinte ich nicht,
ich meinte, was ist da jetzt für ein Restaurant drin? Ich hoffe endlich mal was
Vernünftiges.
„Das ist jetzt eine Cocktailbar und
sie heißt The Pavillon. Eröffnung war letzte Woche Montag,“ sagt Siggi.
„Oh interessant“.
„Du musst um vier noch zu deinen
Eltern zum Kaffee, denk dran.“
„Ich weiß das!“ antworte ich.
„Ich werde dich nicht mehr daran
erinnern.“ erklärt Siggi und
klingt ein wenig eingeschnappt.
„Danke, mein Liebling.“ sage ich.
Weiter geht es am Eingang der U4 vorbei,
in Richtung Alster-Anleger. Eine Menge Touristen sitzen dort im Kaffee oder
warten auf die Straßenbahn zur Elbgondel.
„STOP!“ ruft Siggi.
„Was?“ frage ich.
„Da ist ein Mann für dich!“
„Echt?“ ich werde ganz aufgeregt.
„Wo, hier?“ Ich sehe mich um.
„Etwa 30 Meter entfernt, neben dem
Schild mit dem Schwan drauf.“
Jetzt sehe ich den Typen.
Wow, Siggi hat Recht. Groß, dunkelhaarig, sportlich,
irgendwie so Winnetou-artig markant.
„Und du glaubst, der ist was für
mich?“ frage ich.
„Wäre ich eine Frau, ich würde ihn
nehmen“ antwortet Siggi.
„Ja,“ sage ich, „ aber du bist
keine Frau, Siggi, du bist ein Telefon.“
„Das war ja nur so dahergesagt. Soll
ich mal zu seinem System Kontakt aufnehmen? Es macht einen ganz sympathischen
Eindruck.“
Mir kribbelt’s ein wenig in der
Magengegend.
„Ich weiß nicht, ich trau mich
nicht, was, wenn ich nicht sein Typ bin, dann wäre das doch total peinlich.“
„Seine Settings und sein Profil
sprächen aber dafür“ meint Siggi.
„Wieso kannst du das denn sehen, hat
der sein System nicht auf privat gestellt?“ zische ich. „Was ist das denn für’n
Perverser?“
„Quatsch,“ sagt Siggi, „natürlich
hat der sein System auf privat gestellt, aber jeder hat doch ein öffentliches
Profil. Du ja schließlich auch.“
„Naja, Ich weiß nicht so genau...
du kannst ja mal unter einem Vorwand fragen!“
„Sowas können Computer nicht.“
„Gut, ich denke mir einen aus. Frag
doch mal sein System, ob es zufällig wüsste, wo hier die nächste Ladestation
für mein Auto ist.“
„Das kann ich dir doch genau so gut
sagen. Das wäre ja ein total offensichtlicher Vorwand.“
„Stimmt. Mist!“ ich überlege.
„Du bist einfach zu schüchtern. Ich
rede jetzt mit dem System.“
„Oh Gott Siggi!“ Ich bekomme ganz
schwitzige Hände und verstecke mich hinter einem Baum.
„So.“ sagt Siggi. „Es war ganz
harmlos. Der Mann kommt aus Nürnberg und ist neu in der Stadt. Er wäre froh,
wenn er hier jemanden kennen lernen könnte.“
„Nürnberg. Hat er einen schlimmen
Dialekt?“
„Nein. Keine Sorge. Seine Eltern
kommen nicht von dort. Angenehmes Sprachmuster in deinem Sinne.“
„Ah gut.“
„Ich spiele ihm gerade einen
kleinen Werbefilm vor.“ Sagt Siggi.
„Von mir? Siggi spinnst du?
Welchen?“
„Na ich werde ihm schon nichts
zeigen, was du nicht auch anderen Leuten zeigst.“
„Wie reagiert er?“
„Ganz positiv, soweit ich das sehen
kann. Zeige ihm gerade Bilder von Sylt. Im Bikini. In 3 D!“
„Spinnst du, Siggi, hör sofort
auf!“
„Willst du wirklich dass ich diesen
Prozess beende?“ fragt mein mobiles Endgerät beleidigt und ich weiß, dass es
mich nachher zur Strafe in die falsche U-Bahn setzen wird um zu behaupten das
Funksignal der alten Waggons hätte die Falsche Endhaltestelle angegeben.
„Nein, Entschuldige Siggi, ich bin
eben aufgeregt. Du weißt genau wie
selten wir Männer treffen, deren Profil zu meinem passt... Ach Siggi, was weiß ich... ---- Wie alt ist der Typ
überhaupt? Nicht dass ich wieder an so einen alten Knacker gerate, der sich
immer Bioethanol injiziert! Wie der vom letzten Mal! Da hast du echt nicht gut
aufgepasst Siggi!“
„Nein, der hier ist nur 4 Jahre
älter als Du und hat nix machen lassen.“
„Prima, aber sag denen bloß nix von
meiner Runzelfalte. Das war ne einmalige Sache. Das muss keiner wissen!“
Plötzlich sehe ich, wie der Typ zu
uns rüberschielt.
„Willst du auch seinen Film sehen?“
kichert Siggi. „Ich hab ihn gerade geschickt bekommen... Sein System ist sehr
kooperativ. Offensichtlich will es ihn unter die Haube bringen.“
Ich überlege kurz, ob ich die Kicher-Funktion
deaktivieren sollte, Siggis Albernheit geht mir manchmal ziemlich auf den
Zeiger, aber er ist ja ansonsten ein recht braver und gehorsamer Rechner, da
darf er eigentlich auch mal ein bisschen Kichern. Ich kenne da ganz andere
Maschinen, also meine Freundin hat da so ein Gerät... dagegen ist Siggi ein
Lämmchen!
Außerdem habe ich grad wichtigeres
zu tun als mit meinem Telefon zu streiten.
„Oh Gott, ist das aufregend.“
Quietsche ich. „Ja, zeig!“
Siggi projeziert mir das Profil „Hobby
und Freizeit“ von Jan Steinmeyer auf die Netzhaut.
Ah! Er fährt Ski! Super. Name ist
auch ok. Echt, der ist nur 1,87, ich hätte jetzt doch mehr gedacht. Aber ok. Zu
groß ist auch anstrengend.
„Können wir was über Beziehungen
und so was herausfinden? Lässt sein System das zu?“
„Nein, lässt es nicht. Aber er ist
Single.“
„Ok, gut. Naja, so was will man ja eigentlich
nicht sofort preisgeben. Ich finde das auch immer unsympathisch wenn Leute
gleich so direkt mit all ihren privaten Infos ins Haus fallen.“
„Willst du hingehen?“ fragt Siggi
und kichert schon wieder.
„Nein! Wenn er mich will, dann muss
er schon kommen! Da bin ich altmodisch.“
„Genetisch und biochemisch macht es
einen guten Eindruck von dem was ich von hier aus analysieren kann.“ erklärt
mein dreister Apparat. „Das klingt nach Harmonie im Bett.“
„Siggi, sei still, das ist mir
total peinlich.“
„Vor mir? Wir gucken doch auch
Pornos zusammen.“
„Ruhig Siggi!“
„Nadja ruft an.“
„Sag, ich ruf zurück. Ich kann
gerade nicht.“
„Sein System sagt, er findet dich
durchaus interessant. Ich habe das gleiche von Dir gesagt.“
„Boah, was seid ihr eigentlich für
miese Kuppelkisten, Euch sollte man echt ausschalten!“
„Möchtest du mich jetzt wirklich
ausschalten?“
„Nein, ich hab doch viel zu viel
Schiss allein. Oh Mann, Siggi! Er kommt. Ich wünschte du könntest mir die Hand
halten.“
„Ich habe keine Hand.“ sagt Siggi.
„Hallo Jenny.“ sagt Jan Steinmeyer.
„Hallo.“ hauche ich.
„Ich habe mein System auf lautlos
gestellt. Gehst du mit mir einen Kaffee trinken?“
Er hat sein System auf lautlos
gestellt. FÜR MICH! Ein echter Mann. Ich nicke.
Er nimmt meine Hand.
„Siehst du?“ plappert Siggi, „Das
hat doch prima geklappt.“
„Lautlos, Siggi.“ sage ich. Siggi
sagt nichts.
ER lächelt mich an, ich lächele
zurück.
Mein Herz macht einen kleinen
Sprung.
Ich bin verliebt.
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